In der Sommersaison ´99 habe ich den in der PALSTEK Ausgabe 6/99 S. 118 vorgestellten Gittermast in der Praxis erprobt. Als Testrevier diente mir dazu das Ijsselmeer und die Nordsee zwischen Holland und England.
Bereits das Stellen des Mastes in Kampen erwies sich als unproblematisch: Eine Schlinge wurde ca. 1 m oberhalb der Saling an einer Querstrebe befestigt und in den Haken des Mastenkrans eingehängt. Somit richtete sich der Mast von selbst in die Senkrechte, als der Kran ihn anhob. Die Gefahr des Umkippen, die besteht, wenn ein herkömmlicher Mast mit einer Schlinge gerade im Schwerpunkt unter der Saling umfaßt wird, besteht so nicht.
Biegt sich ein herkömmlicher Alu-Mast aufgrund seines Eigengewichtes gut sichtbar durch, wenn er horizontal nur an beiden Enden gestützt auf Böcken liegt, so ist bei dem Gittermast in dieser Lage eine Durchbiegung mit dem ersten Blick nicht festzustellen. Dies liegt nicht nur daran, daß der Gittermast leichter als ein entsprechender Aluminiummast ist, sondern daran, daß der Gittermast aufgrund seiner Konstruktion und seines Materials sehr viel steifer ist.
Diese Steifheit hat den Nachteil, daß es beim ambitionierten Segeln nicht möglich ist, den Segeltrimm durch Masttrimm, d.h. durch Verbiegen des Mastes, zu beeinflussen, was allerdings auch nur bei Steckmasten möglich ist.
Der Mast ist an seinem Fuß auf einem runden Zapfen gelagert, so daß
er sich frei drehen kann. Damit sollten Torsions- (Dreh-) Belastungen vom
Mast ferngehalten werden. Bei der Erprobung hat sich aber gezeigt, daß
der Mast bei den verschiedenen Belastungen sich nicht sichtbar in diesem
Lager dreht. Das von den Großsegelrutschern und dem Lümmelbeschlag
erzeugte Drehmoment ist aufgrund des geringen Wirkabstandes zur Drehachse
offensichtlich relativ gering und wird durch die Wanten und Stage aufgenommen,
so daß dieser Drehzapfen am Mastfuß nicht notwendig ist. Beim
Maststellen aber ist der Mastfuß auf dem Zapfen leicht aufzustellen
und der Mast dreht sich von selbst in seine korrekte Stellung beim Spannen
der Wanten und Stage.
Aluminiummasten brechen gelegentlich durch Materialermüdung im Salingsbereich, hervorgerufen durch andauernde Biegebelastungen des Mastes im Seegang. Die große Steifheit der Konstruktion, die wesentlich höhere Elastizität und Dauerschwingfestigkeit von Stahl gegenüber Aluminium läßt erwarten, daß ein Ermüdungsbruch bei einem Stahlgittermast wenn überhaupt dann doch sehr viel später eintreten wird.
Als großer Vorteil hat sich erwiesen, daß dieser Mast sehr einfach zu besteigen ist. Mit den Händen hat man immer sicheren Griff an den horizontalen Verstrebungen und den vertikalen Rohren, mit den Füßen sicheren Tritt auf den Querverstrebungen, der Mast läßt sich von links oder von rechts besteigen und die Sicherheitsleine überall leicht einpicken. Der Abstand der Querverstrebungen zueinander beträgt 40 cm, so daß der Aufstieg recht bequem ist.
Groß und Fockbaum sind ebenfalls nach dem gleichen Prinzip gebaut. Beim Turnen über das Deck im Seegang bieten der Mast und die Bäume mit ihren Rohren und Streben gute und sichere Gelegenheit sich festzuhalten und mit der Sicherheitsleine einzupicken.
An Mast und Bäumen läßt sich überall leicht etwas anbändseln. So konnte bei der Montage von Lazy-Jacks gut ausprobiert werden, an welchen Punkten am Baum die Schnüre am besten angeknotet werden. Auch die Positionen der Umlenkrollen für das Patentreff lassen sich auf den Rohren der Bäume durch Verschieben leicht justieren.
Dirk, Groß-, Fock- und Klüverfall sind innerhalb des Mastes
geführt und dennoch ist eine Sichtkontrolle möglich. Diese Leinen
und auch Kabel sind problemlos auch bei gestelltem Mast einzuziehen.
Vor der Erprobung hatte ich befürchtet, daß durch die Gitterkonstruktion des Mastes und der Leinen im Mast besondere Windgeräusche entstehen könnten.
Stürmische Nächte vor Anker haben gezeigt, daß das Pfeifen des Windes in Mast und Takelage eher gering ist. Das besonders nervtötende Klingeln, das entsteht, wenn Fallen an Alu-Masten schlagen, kann mangels Resonanzrohr, denn nichts anderes ist in diesem Fall ein Aluminiummast, nicht entstehen. Fallen, die durch den Wind innerhalb des Mastes an die Querstreben schlagen, ergeben ein relativ leises und dumpfes Geräusch, das sich durch Beibändseln leicht und nachhaltig verhindern läßt.
Hart am Wind zeigt sich, daß die Vorderkante des Großsegels gut angeströmt wird, da der Wind relativ wenig gestört durch den Mast hindurchblasen kann und das Vorliek des Großsegels nicht im Windschatten eines massiven Mastes liegt.
Es zeigte sich aber auch, daß hart am Wind die nur aus einem Rohr gefertigte Saling auf der Luvseite gelegentlich für kurze Zeit in horizontale Schwingungen geriet. Dieser Mangel wird durch das einfache Anschweißen einer diagonalen Strebe an das Salingrohr behoben werden.
Für kontaktfreudige Segler bietet dieser auffällige Mast in Häfen und Marinas die Gelegenheit zu zahlreichen Kontakten mit Segelkammeraden, die sich erstaunt erkundigen, ob so ein Mast überhaupt funktioniere und ob man damit segeln könne. Und bei gelegtem Mast wird auch schon einmal die Frage gestellt, ob man einen Funkmast transportiere ...
Die Optik des Riggs ist natürlich Geschmacksache, Traditionssegler werden möglicher Weise Anstoß nehmen und ich gebe gerne zu, daß ein solches Rigg auf einem eichegeplankten Gaffelkutter im Naturholz - Look nichts zu suchen hat.
Aber auf einem modernen Boot ist meiner Meinung nach ein Gittermast eine sehr funktionale und extrem preiswerte Alternative zu einem herkömmlichen Aluminiummast. Die Erprobung hat gezeigt, daß die Vorteile die Nachteile bei weitem aufwiegen und der Gittermast die in ihn gesetzten Erwartungen zur vollen Zufriedenheit erfüllt hat.
Inzwischen hat das Boot mit dem Gittermast die Strecke
von England bis Griechenland zurückgelegt und der Gittermast hat dabei
seine Bewährungsprobe erstklassig bestanden.
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Letzte Änderung dieser Seite: 14.01.2007